„Dranbleiben, Schatzele!“

geschrieben September 2013

Transalpine: „Dranbleiben, Schatzele!“

Ausdauer, mentale Stärke und Respekt vor der Natur – all das brauchen  die Teilnehmer des Transalpine-Runs. Für Nadine und Arthur kommt hinzu: Acht Tage lang müssen sie beim Transalpine-Run als Team laufen. Obwohl sie sich erst 20 Minuten vor dem Start das erste Mal gesehen haben.

Autor:  Nadine und Tom

Nadine scannt stirnrunzelnd das Läuferfeld. In 25 Minuten, um zehn Uhr, fällt der Startschuss zum Transalpine-Run. Und ihr Partner Arthur ist nicht da. 350 Zweierteams von Läufern drängen sich in Oberstdorf, Bayern, in der Startzone vor dem Gemeindehaus. Direkt daneben ist Bauernmarkt. Deutlicher können Gegensätze kaum aufeinander prallen: auf der einen Seite energiegeladene Sehnigkeit, auf der anderen Seite einheimische Gemütlichkeit. „Viel Spaß hinterher mit den künstlichen Kniegelenken“, frotzelt ein Passant im urigsten Bayerisch. Neben Nadine grinst dazu eine Läuferin: „Die wissen nicht, ob sie uns verachten oder respektieren sollen.“

Wo bleibt Arthur? In drei Minuten wird sie ihn ausrufen lassen, beschließt sie und drängt sich zum Veranstalter-Podium durch. Verdammt, sie will die Aufregung vor der ersten Etappe spüren, immerhin 35 Kilometer und 2.100 Höhenmeter. Stattdessen kocht ihr fränkisches Temperament hoch, sie ist genervt.

„Nadine!“, hört sie von hinten. Unverkennbar österreichischer Sing-Sang. Da ist er, Arthur, den sie bisher nur von Fotos und ein paar Mails kennt. Ganz entspannt schlendert er auf sie zu und lächelt.

„Fast hätte ich dich ausrufen lassen!“, begrüßt ihn Nadine. Sie denkt: Computerfreak-Alarm! Dr. Arthur Schuchter, 33, ist Informatik-Professor an der Fachhochschule Salzburg. Nadine findet, in echt sieht er auch genauso aus. Sympathisch, aber bestimmt keine Stimmungskanone.

Oha, denkt Arthur. Nadine, 31, Fitness-Trainerin aus Schwarzenbach im Nürnberger Land, ist mit ihren 175 Zentimetern zwar zehn Zentimeter kleiner als er, aber mindestens genauso muskulös. Die hat ja eher die Figur einer Karatemeisterin als einer Läuferin. Und zickig ist sie auch noch. Acht Tage müssen sie gemeinsam überstehen. Arthur tröstet sich damit, dass sie ja täglich nur sechs bis acht Stunden gemeinsam laufen müssen. Abends macht er dann eh, was er will.

Beide halten ihre Gesichter in die Kamera und lächeln etwas angestrengt. Dann knallt auch schon der Startschuss.

Beide setzen das „Startlächeln“ auf

 Der Transalpine-Run ist einer der herausforderndsten Laufwettbewerbe der Welt. In acht Tagen müssen die Läufer insgesamt 260 Kilometer und 16.000 Höhenmeter überwinden. Das bedeutet Tagesetappen von über 30 Kilometern und um die 2.000 Höhenmeter – immer im Zweierteam. Vor einer solchen Herausforderung würden viele Marathonläufer zurückschrecken.

Überwiegend starten reine Männerteams, aber auch mehr und mehr Frauen und gemischte Paare. Die meisten von ihnen kennen sich seit Jahren und haben gemeinsam trainiert, sind monatelang weit über 100 Kilometer die Woche gelaufen.

Nadine und Arthur kennen sich gar nicht. Bei beiden waren die Freunde, die ursprünglich mit ihnen laufen sollten, abgesprungen. Also haben sie sich über die Transapline-Run-Laufbörse gefunden. Beide nehmen das erste Mal teil. Und beide fragen sich nicht nur, ob sie dieses Rennen überstehen, sondern auch, wie es mit dem anderen laufen wird.

Einen ersten Vorgeschmack darauf bekommt Nadine, als die Läufer die erste große Steigung erklimmen müssen. Sie fängt an zu gehen. Arthur bleibt neben ihr, joggt aber weiter. Ja sakra, denkt Nadine, das kann ja was werden.

Keinen Schnaufer lässt er von sich hören, der Arthur. Nadine muss ziemlich arbeiten. „Ist dir nicht warm, in dieser langen Softshell-Jacke?“, fragt sie Arthur.

„Naa“, sagt der. „Ich laufe halt immer so.“

Hier trifft Nadine ein Läuferinnen-Paar, das sie schon von einer anderen Veranstaltung kennt. Sie laufen eine Weile zu viert weiter. Weil einer von ihnen offenbar dieser Anstieg gar nicht liegt, bietet Arthur an, ihren Rucksack zu tragen.

Sollte ich den nicht mehr tragen können, denkt Nadine, bin ich hier fehl am Platz. Auch die Laufkollegin lehnt zunächst ab. Doch am letzten Berg der Etappe, auf dem die Läufer 800 Höhenmeter in nur vier Kilometern überwinden müssen, nimmt sie das Angebot dankbar an. Und schon geben Arthur und die zwei anderen Läuferinnen Gas. Nadine bleibt zurück. Fast die ganzen 800 Höhenmeter läuft sie allein. Wut staut sich bei ihr auf. Jetzt stelle ich dem die beiden vor, denkt sie, und schon dampft der mit den zwei Weibern da ab.

Arthur „geht fremd“

Arthur indessen genießt den Lauf und die nette Gesellschaft. Er denkt, dass Nadine ein Problem damit hat, dass er schneller laufen kann als sie. So etwas ist als Trainerin wohl neu für sie. Besser, sie gewöhnt sich dran. Er will sich hier nicht den Spaß verderben lassen.  Am Ende des Anstiegs übergibt er den Rucksack seiner Eigentümerin, setzt sich auf einen Stein, und wartet auf seine Laufpartnerin. Als Nadine endlich auftaucht, fragt er: „Alles gut?“

Nadine ist zwar erschöpft, aber es reicht noch, um ihre Lungenflügel aufzupumpen und Arthur mit 110 Dezibel die Leviten zu lesen. In der Tonlage eines fränkischen Panzergrenadier-Ausbilders ruft sie: „Sprich mich nicht an!“ Ihr „Rr“ rollt wie in „Torro“. Warum sagt sie ausgerechnet das? Egal! „Was soll denn das bitte für ein Teamlauf sein, bei dem du wegläufst? Was hast du dir denn dabei gedacht? Na?“

Arthur bleibt die Luft weg. Später, im Ziel, werden ihn wildfremde Mitläufer fragen: „Sag mal, hat sich deine Freundin wieder eingekriegt?“  Er murmelt etwas wie „Hast recht“, räuspert sich und sagt: „Dann laufen wir jetzt halt zusammen.“ Seine Laune liegt auf Eis. Ignorieren, denkt er, bloß ignorieren.

Hinterher tut Nadine Arthur ein wenig leid. Wahrscheinlich war sie eine Spur zu plastisch bei der Beschreibung ihrer Gefühlslage. Jedenfalls sieht das Zusammenlaufen nun so aus, dass Arthur außer Hörweite voraus stapft. Ab und zu dreht er sich um und schaut, ob sie noch folgt.

Abends, im Ziel, geht jeder von den beiden sofort seiner Wege. Der Veranstalter hat für die Läufer Lager in Turnhallen, Schulen und sogar Zivilschutzbunkern eingerichtet. Dorthin wird auch jeden Tag das Läufergepäck gebracht. Nadine hat keine Lust auf Massenunterkunft, Containerdusche und Speckböden. Lieber übernachtet sie in Pensionen. Diesem Arthur dagegen scheinen Geschnarche und kaltes Waschwasser nichts auszumachen. Na, jeder wie er’s mag.

Berglaufkulisse

Am nächsten Morgen stellt sich Nadine die gleiche Frage wie schon am ersten Tag: Wo ist mein Teampartner? Arthur taucht wieder erst kurz vor Start der zweiten Etappe auf.

Nadine schluckt ihren Ärger herunter und sagt zu ihm: „Egal, was ich sage, nimm’s bitte nicht persönlich!“

„Iwo“, sagt Arthur. Dann fragt er, ob es in Ordnung sei, wenn er so etwa 100 Meter vor ihr läuft. In Sichtweite, sagt er.

„Okay“, sagt Nadine. Schon ein wenig speziell, aber nun gut.

Arthur ist mit seinen 73 Kilo verteilt auf 1,85 Meter wirklich fit. Er kann die zehn Kilometer in 37 Minuten laufen. Nadine hat zwar schon an einigen Ultraläufen und auch Ironman-Distanzen teilgenommen. Aber sie weiß, dass sie nicht auf eine vergleichbare Leistung ausgelegt ist.

„Auf geht’s, Schatzerl!“, ruft Arthur nach dem Startschuss und rennt voraus.

Nadines Augen fühlen sich geschwollen an. Das könnte an der Höhe liegen. Ihren Muskeln dagegen geht es gut – kein Muskelkater, keine sonstigen Beschwerden.

Ab Kilometer 15 bekommt sie Migräne. Wahrscheinlich die Höhe oder die Belastung. Egal, sie beißt sich durch. Sie erwartet nicht, dass Arthur ihr hilft. Aber ein wenig kratzt es schon an ihr, dass er nicht mal die Chance hat zu verstehen, wie es ihr hier geht.

Ihr hilft die „Drei-Stunden-Regel“: Drei Stunden wirst du schon noch durchhalten, lautet die. Und in drei Stunden gilt sie wieder von neuem. Eine Ausbilderin hat Nadine einmal beigebracht, dass „Wehtun“ ein ganz falscher Ausdruck ist. Es ist einfach nur der Körper, der sich meldet. Und der wird schon wieder. Man kann Schmerz annehmen, akzeptieren, sogar damit leben.

Voraussetzung ist, dass man mit sich und seinem Körper zufrieden ist. Und das ist Nadine. Sie kann nicht in allem gut sein. Aber sie kann bergauf kämpfen, so gut es eben geht, und es bergab krachen lassen. Denn Downhill, da ist sie gut und da hat sie auch richtig Spaß.

Als Trainerin hat Nadine Wolff den Spitznamen „Leitwolff“.

Nadine: Als Trainerin ist sie der „Leitwolff“

 Arthur, geboren in Zell am See, ist in Österreich aufgewachsen, hat aber in Schweden, Norwegen, Kanada und Alaska studiert und gelebt. Immer hatte er die Berge um sich und immer hat er seine Feierabende mit Berglauf verbracht. „Schatzerl, bist du da?“, ruft er, ohne sich umzusehen.

„Ja!“, ruft Nadine. Gegen ihren Willen gefällt ihr dieses „Schatzerl“.

„Nicht abreißen lassen!“, ruft Arthur.

„Nein!“, ruft Nadine und denkt sich, wie kann ich nur so bekloppt sein, durch die Berge zu laufen, wo ich doch im Flachland zuhause bin.

Arthur: liebt die Berge

Trotzdem holen sie am dritten und vierten Tag in den Platzierungen auf. Nadine stellt fest, dass sie in Arthurs Fahrwasser schneller läuft, als sie es allein schaffen würde.

Arthur stellt fest, dass hier zwar alle Teilnehmer mit den neuesten Hightech-Utensilien ausgerüstet sind. Aber einige von ihnen haben wirklich null Erfahrung am Berg. Und so tun sie sich selbst weh. Schleppen vier Liter Wasser mit sich herum! Dabei ist doch das Bergwasser in den Bächen, die hier überall fließen, das beste der Welt. „Kann man das trinken?“, fragen ihn einige Läufer. Ihn ärgert solche Ahnungslosigkeit.

Mit Nadine hat er ein Auskommen gefunden, eine Art Waffenstillstand, der auf gegenseitiger Minimalbeachtung basiert. Sie scheinen ja beide gut damit klarzukommen. Abends gehen sie sich weiterhin aus dem Weg, sogar bei der täglichen Pasta-Party, bei der fast alle Läufer zusammenkommen.

Tag Vier scheucht die Transalp-Läufer 2.200 Höhenmetern hinauf und 2.700 hinab, verteilt auf 37 Kilometer. Eine harte Etappe. Aber Nadine geht es gut, und insbesondere beim Bergablaufen können sie und Arthur wieder Platzierungen gutmachen. Arthur kann bestimmt sagen, wie viele, denkt Nadine. Der merkt sich so was.

Arthur läuft gerne und viel gemeinsam mit anderen, gern auch mit Frauen. An Nadine fällt ihm langsam ein Unterschied zu vielen anderen Läuferinnen auf: Sie kann sich sehr stark „pushen“. Obwohl sie weniger trainiert ist als viele andere Teilnehmer, kommt sie ihm mental deutlich taffer vor. Und das auf eine ansteckende, überhaupt nicht verbissene Weise. Arthur fragt sich, woher sie diese Kraft holt.

Die Sonne scheint, die Bergnatur meint es heute gut mit den Läufern. „Tolle Luft hier!“, ruft Arthur von vorn.

Downhill machen die beiden Boden gut

Tolle Luft. Nadine geht kurz der Gedanke durch den Kopf, was ihm wichtiger ist: sie oder Luft. „Schatzerl!“, ruft Nadine nach vorn und imitiert seinen österreichischen Akzent.

„A-ha!“, ruft Arthur zurück.

„Morgen dann, beim Bergsprint, da kannst du dich richtig austoben.“

„Meinst du?“, fragt Arthur. Warum sagt sie so etwas? Die morgige Etappe besteht „nur“ aus einem Bergsprint über 6,3 Kilometer und 950 Höhenmeter. Dabei müssen die Läufer nicht paarweise unterwegs sein, aber in die Wertung geht nur die schlechteste der beiden Läuferzeiten ein. Arthur hätte an sich nichts gegen einen Lauf mit Zugleine, um Nadine bergauf zu helfen. Aber damit darf er ihr nicht kommen, das weiß er inzwischen.

„Bin neugierig“, sagt Nadine. Sie sagt es auf eine Weise, die Arthur wiederum neugierig macht.

Als Arthur am nächsten Morgen zum Start des Bergsprints schlendert, hat er keine Probleme, Nadine zu finden. Schon aus den Augenwinkeln bemerkt er sie in einer Gruppe von Frauen als erste. Kurz laufen sie gemeinsam, dann sagt Nadine: „Arthur, lauf los. Und wehe, du läufst nicht!“ Schon nach der nächsten Kurve sieht sie ihn nicht mehr.

Bergauf ist nicht Nadines Stärke. Für eine Optimistin wie Nadine heißt das: Mal gucken, was ich auf die Kette kriege. Keine naive Hoffnungen machen, aber losrennen, wie es eben geht.

Sie ist Trainer. Sie hat sich ihren Trainingsplan für diesen Lauf selbst geschrieben. Manchmal ist sie 200 Kilometer in der Woche gerannt. Fast immer morgens. Zwischen vier und fünf Uhr stand sie auf und lief los. Für sie ist das die schönste Zeit des Tages. In der kann sie ordnen, wie der Tag ablaufen soll. Manchmal ihre Mutter auf dem Fahrrad neben ihr hergefahren.

Es läuft gut. Die Sonne brennt auf sie herunter. Schatten? Nein. Rasten? Nein, sie läuft weiter. Überholt Team um Team. Die Strecke ist so steil wie eine schwarze Skipiste. Anderthalb Kilometer vor dem Ziel wartet eine Getränkestation. Nadine trinkt einen ganzen Liter. Und jetzt gib wieder Gas, denkt sie. Sie fängt an, die letzten Meter wirklich zu rennen.

Arthur indessen hat es schon ins Ziel geschafft. 57 Minuten brauchte er für den Anstieg. Oben schlendert er ein wenig herum und begibt sich dann gemächlich zur Ziellinie. Zu seiner Überraschung kommt Nadine schon angespurtet. Und wie!

Manchmal geht die Begeisterung mit Nadine durch

Weil er bisher so gut wie immer voraus gelaufen ist, hat er sie ja kaum laufen sehen. Und schon gar nicht beim Endspurt. Ihre Energie ist ja der Wahnsinn; sie strahlt für drei. Dabei hatte er sie anfangs so bärbeißig eingeschätzt! „Wow!“, schreit er und klatscht sie die letzten Meter über die Ziellinie. Dann umarmt er sie und sagt: „Warst aber gut unterwegs!“

Oh. So viel Enthusiasmus hätte Nadine ihm gar nicht zugetraut. Da hat sie sich anfangs wohl ein wenig in ihm getäuscht.

Als Nadine am nächsten Morgen beim Frühstück ihrer Privatunterkunft sitzt, kommt Arthur dazu. Das ist neu. Bisher haben sie sich immer erst beim Start getroffen. Er hat sogar ein Sträußchen Trailblumen für sie dabei.

Arthur mit Trailblumen

Als wäre es plötzlich selbstverständlich, laufen die beiden an diesem sechsten Tag mehr neben- als hintereinander. Erzählen sich Geschichten aus dem Leben. Was Nadine gefällt: Informatik-Professor Arthur ist auch Bergführer. Er liebt Berge und Natur mit einer Leidenschaft, die so rein ist, wie das Bergwasser, das er immer trinkt.

Was Arthur gefällt: Nadines Strahlen. Weil es ein so schöner Ausdruck ihrer unverstellten, natürlichen Begeisterung ist, mit der sie hier an den Start geht. Und gleichzeitig einer Power, die weniger aus dem Kopf als vielmehr aus dem Herzen zu kommen scheint.

Dieser sechste Tag vergeht für beide viel schneller als bisher und macht eine Menge Spaß.

Es groovt

 Tag 7, das ist die längste Etappe mit 42,6 Kilometern und 2.400 Höhenmetern bergauf. Die ersten 30 Kilometer verlaufen auf Straße „relativ“ flach, mit nur 300 Höhenmetern im Anstieg. Nadine und Arthur laufen recht zügig und plaudern vor sich hin.

„Warum bist du hier dabei?“, fragt Arthur.

Nadine antwortet: „Weil ich neugierig bin, ob ich’s schaffe.“

„Neugier ist gut“, findet Arthur.

„Ja?“

„Ohne Neugier keine Leidenschaft.“

„Yep!“ Nadine hält ihm ihre Hand zum Einschlagen hin. Arthurs missglückter erster Eindruck von Nadine löst sich in sonnige Bergluft auf.

Doch zwei Kilometer vor Verpflegungsstelle am letzten großen Anstieg muss Nadine anhalten. „Mein Schienbein“, sagt sie. Die Straße hat ihm gar nicht gutgetan.

„Hm“, macht Arthur. „Ich laufe schon mal voraus bis zur Verpflegungsstelle.“

Was soll das jetzt schon wieder, fragt sich Nadine und stapft ihm à la Power-Walking hinterher.

Als sie den Streckenposten erreicht, steht Arthur dort grinsend mit einer Sprühdose – er hat ihr Eisspray besorgt! Weiß der Teufel, wo er das herhat. Jedenfalls hilft es. Und diese Hilfe tat Not, denn nun geht es auf nur zwei Kilometern 1.100 Höhenmeter hinauf.

Arthur läuft direkt vor Nadine. Sie hinterher. Der bringt mich diesen Berg hoch, denkt sie.

Arthur sagt Dinge wie: „Schatzele dranbleiben, bist du noch da? Wir sind ruhig. Wir laufen unser Tempo. Und die da vorn kriegen wir noch.“

Sie stapfen so konsequent ihren Rhythmus durch, dass sich ihnen eine Karawane von 16 Läufern anschließt. Niemand überholt, alle reihen sich hinter ihnen ein. Wie ein Motorrad-Korso, denkt Nadine. Arthur, sie und ihre Gang.

Nadine raucht alle Kraft für den Anstieg

Geschafft! Oben muss Nadine ihre Schuhe ausleeren. Eine Menge Steinchen sind hineingeraten, weil ihre Gamaschen mittlerweile in Fetzen hängen.

„Alles klar?“, fragt Arthur.

„Klar. Tolles Gefühl, jetzt oben zu sein“, grinst Nadine.

Und auch ein tolles Gefühl, dass dieser Transalpine-Run nicht mehr nur eine Sache von Nadine einerseits und Arthur andererseits ist, sondern vom „Team Wolff Sports“. Zweier Menschen, die auf ihre Art Schritt halten können, wenn das Leben Gas gibt.

Die anschließenden fünf Kilometer Downhill sind der pure Spaß.

Downhill lassen’s die beiden krachen

Und auf dem Finisher-Foto dieses Tages sieht man, dass der auch über die Ziellinie hinaus am Abend angehalten hat.

Das Finisher-Foto von Tag 7

 Es klingt unmenschlich, dass der Veranstalter für den letzten Tag noch einmal 40 Kilometer Strecke,  1.900 Höhenmeter nach oben und 3.100 Höhenmeter nach unten vorgesehen hat. Trotz aller Herausforderung fühlt Nadine vor allem eines: Heute ist es vorbei.

Sie bleiben bei ihrer Taktik: Arthur voraus, Nadine hinterher. Der Unterschied zu den ersten Tagen ist nur, dass der Abstand zwischen den beiden deutlich geschrumpft ist. So erreichen sie den höchsten Punkt des gesamten Rennens auf 3.120 Metern.

Auch der höchste Punkt des Rennens kann sie nicht mehr stoppen

Beide wissen jetzt, dass sie das Rennen schaffen werden. Arthur hätte nie gedacht, dass man eine riesige Herausforderung wie den Transalpine-Run auf diese Weise – „gechillt“, gemeinsam und sogar mit Gaudi – bewältigen kann. Große Leistungen gelassen und mit gegenseitigem Respekt angehen – es gibt schlechtere Leitideen. Dass sie sich mittlerweile ins Mittelfeld der „Mixed“ Kategorie auf Platz 56 vorgearbeitet haben, ist zwar schön, aber für ihn nicht mehr wichtig.

Nadine findet er mittlerweile „amazing“. Sie hat wahnsinnig gekämpft und war dabei immer super gelaunt. Nun gut, bis auf dieses eine Mal am ersten Tag…

Das allerletzte Stück des Rennens verläuft durch Apfelplantagen, „gefühlte 1.000 Kilometer lang“, findet Nadine. Irgendwann erreichen sie ein Schild, auf dem steht: noch zwei Kilometer bis ins Ziel. Sie hält an und stützt sich auf die Knie.

„Was ist los?“, fragt Arthur verwundert.

„Keine Lust mehr“, antwortet sie.

Arthur fällt darauf herein, geht zwei Schritte auf sie zu und ermuntert sie, so wie er es immer gemacht hat: „Schaffst du schon, komm“ und so weiter.

„Kannst gern Gas geben, wenn du willst“, sagt Nadine und zwinkert ihm neckisch zu. Dann lachen plötzlich beide. Prof. Dr. Arthur Schuchter: wissend, verschmitzt. Nadine „Leitwolf“ Wolff: strahlt für drei.

Nadine fragt sich, was sein wird, wenn sie gemeinsam durchs Ziel laufen.

Wenige Minuten später werden sie die Antwort wissen.

Schließlich ist jede Ziellinie ein neuer Anfang.

Fakten Trans Alpine Run 2013:

Gesamtstrecke:  259,4 Kilometer

Zu überwindende Höhenmeter: 15.468

Start: Oberstdorf, Deutschland

Ende: Latsch, Italien

Anzahl Etappen: 8

Siegerzeit 2013: 27 Stunden und 20 Minuten (Nettozeit ohne Pausen)

2014-08_Bericht RunnersWorld_Dranbleiben Schätzerle