Das Märchen von der guten Avocado

Sie wurde zum Inbegriff der bewussten Küche: Gut für den Körper. Gut für den Planeten. In Wahrheit ist die Avocado ökologisch höchst fragwürdig.

Jede Zeit hat ihr Lieblingsessen. In den fünfziger Jahren, in Deutschland das Jahrzehnt der gezwungenen Fröhlichkeit, thronte auf den Desserts, den Punschtorten, den Käsehäppchen eine Cocktailkirsche, eine in Farb- und Aromastoffen erstickte Frucht. In den siebziger Jahren entdeckten die Deutschen die Welt da draußen und die Spaghetti. In den achtziger Jahren wurde der geräucherte Lachs zum Massenprodukt, was perfekt in die Ära des Neoliberalismus passte, als das Reichsein für alle – okay: für viele – ein nahes Ziel zu sein schien.

Welches Lieblingsessen hat die Gegenwart? Darauf gibt es natürlich mehrere Antworten. Eine lautet: Es ist die Avocado.

Das liegt zunächst daran, dass die Avocado nicht vom Tier stammt.

Die Avocado gehört zu den wichtigsten Zutaten der veganen Küche mit ihrer ausgeprägten Sensibilität gegenüber Tieren und der Natur. Die Avocado ist in der Lage, die Problemzutaten Butter und Eier zu ersetzen. Es gibt jetzt Kochbücher mit Titeln wie Meine Rezepte für eine bessere Weltund Backrezepte, die beworben werden mit der Aufforderung „Genießen Sie die Torten- und Kuchenklassiker ohne Reue oder schlechtes Gewissen“. Die Avocado ist die Frucht der Weltenretter, beliebt auch bei vielen, die zwar keine Veganer sind, sich aber ab und zu das Gefühl gönnen wollen, im Einklang mit der Umwelt und sich selbst zu sein. Viele Vergnügen sind ja für den liberalen, um das Wohl der Welt und seiner selbst besorgten Mittelschichtbürger unmöglich geworden: nicht nur Fleisch, auch Schokolade, Wein; Zigaretten sowieso. Erdbeeren im Dezember, Hummer und Kaviar und alles allzu offensichtlich Luxuriöse sind ohnehin überholt. Die Avocado aber verspricht sorgloses Glück, wie man es gar nicht mehr für möglich gehalten hat im Zeitalter des Wollens und Alleshabens, aber Nichtdürfens.

So kommt es, dass die Avocado die Titelheldin der Kochzeitschriften und -blogs ist; dass sie beim sozialen Netzwerk Pinterest das beliebteste Essen 2015 war; dass es inzwischen in Deutschland wohl keinen Fair-Trade-Coffeeshop mehr gibt, auf dessen Karte kein Avocadotoast stünde.

Der traditionsreiche Vegetarierbund empfiehlt die Avocado. Die Tierrechtsorganisation Peta, die durch Verzicht auf tierische Produkte den Welthunger bekämpfen will, schlägt auf ihrer Website Avocadorezepte vor. Der Umweltverband BUND rät dazu, herkömmliche Peelings, die für Seehunde gefährliches Mikroplastik enthalten, durch selbst angerührte zu ersetzen, und zwar aus Avocado. Und die größte deutsche Onlineplattform für moderne Öko-Mode heißt: Avocado Store.

2010 wurden 28.000 Tonnen Avocado nach Deutschland eingeführt, 2015 waren es 45.000 Tonnen. Längst ist der Trend in die Fußgängerzonen und Supermärkte durchgesickert. Bei Edeka sind Avocados nach Angaben des Unternehmens seit den siebziger Jahren im Angebot, die Nachfrage sei aber in den vergangenen fünf Jahren „sehr stark gestiegen“. Die Avocado ist jetzt bundesweit ganzjährig erhältlich. Im Winter kommt sie aus Brasilien, Chile und Spanien, im Sommer aus Südafrika und Peru. Sie ist so selbstverständlich geworden wie eine Kartoffel. Die Fast-Food-Kette Subway bietet Sandwiches mit Avocado an. McDonald’s zögert noch.

Die Avocado gilt, ein Hauptgrund für ihren Erfolg, als unfassbar gesund. Ein Superfood wie Chiasamen, Quinoa, Goji- und Acai-Beeren. Superfoods sollen super sein für Herz und Kreislauf und gegen Krebs und Falten, weshalb es manche sogar in Kapselform im Drogeriemarkt zu kaufen gibt. Einigen Superfoods wird nachgesagt, sie steigerten die Konzentrationsfähigkeit, die Spermienqualität, die Kraft des Immunsystems. Die behauptete positive Wirkung ist nicht immer erwiesen, es gibt nur wenige klinische Studien. Aber vielleicht ist das gar nicht so erheblich. Denn vor allem wird mit dem Begriff Superfood ein Gefühl verkauft: das Gefühl, diese Nahrungsmittel brächten von irgendwoher weit weg die Ursprünglichkeit in die westliche Industriegesellschaft zurück, die Natürlichkeit, die Gesundheit, die heute nicht mehr als Voraussetzung für ein schönes Leben betrachtet wird, sondern offenbar als ein Wert an sich. Die Avocado, das wohl beliebteste Superfood, ist tatsächlich sehr gesund. Sie enthält so viele ungesättigte Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe, als wollte sie den Menschen von all seinen Gebrechen heilen.

Der Avocadoboom ist eine jener Moden, die nur in einer Gesellschaft möglich sind, die im Überfluss lebt. In diesem Teil der Erde, wo Nahrung nur noch nebenbei satt machen soll, bekommen Lebensmittel eine fast poetische Bedeutung. Sie werden wie Figuren in einem Roman wahrgenommen, haben einen guten oder einen schlechten Charakter. Das Schweinenackensteak hat in dieser Fiktion die Rolle des schmierigen Bösewichts übernommen. Die Avocado dagegen gibt die leichtfüßige Schönheit. Sie ist sanft, ihr Geschmack ist unaufdringlich, sie ist nicht sauer, nicht scharf, nicht bitter, sondern ein bisschen nussig und ein bisschen süß. Man braucht nicht mal ein Messer, um sie zu verzehren: Sie ist so anschmiegsam, dass man sie einfach löffeln kann. Und obwohl sie cremig ist wie ein üppiger Pudding, macht sie nicht dick. Ernährungsphysiologisch ist sie unschuldig wie ein Salatblatt.

So weit die Avocadofantasie.

In der Wirklichkeit ist die Avocado die ungefähr 400 Gramm schwere Beere eines immergrünen Laubbaumes. Dieser Baum muss irgendwo wachsen, und wie jeder Baum braucht er Erde, Luft und Wasser. Eine Avocado braucht noch viel mehr. In der realen Welt der landwirtschaftlichen Produktion hat sie gar nichts Müheloses. Im Gegenteil. Ihr Erfolg war kein Wunder der Natur, sondern von langer Hand geplant. Menschen haben Geld auf sie gewettet. Unternehmen arbeiten daran, dass mehr und mehr Leute ein Leben ohne Avocado für unmöglich halten. Und am anderen Ende der Welt verändern sich ganze Landstriche, was die Frage aufwirft, ob es wirklich gut ist für die Welt, wenn der deutsche Verbraucher Schweinefleisch und Butter durch Berge von Avocados ersetzt.

Quelle: Zeit

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